Travel-Blog #3
Bella Toskana & Martins traumatisches Kloabenteuer

28.09. - 04.10.2020

Auf eindringlichen Wunsch meiner überaus amüsierten Frau hin, habe ich mich weichklopfen lassen, eine kleine Anekdote, die ich eigentlich am Liebsten ganz schnell wieder vergessen würde, hier zu „Papier“ zu bringen. Wer weiss, vielleicht hilft das schriftliche aufarbeiten ja bei der seelischen Bewältigung. Ich darf euch also einladen, hier sozusagen an einem geistigen Reinigungsprozess teilzunehmen. Kleiner Tip am Rande: Vielleicht solltet ihr dabei nicht gerade beim Essen sein.

Die italienische Toilettenkultur ist so ein Thema. Auf mittlerweile top moderne und stilecht geflieste Steh-Plumpsklo’s trifft man heute noch ebenso, wie auf diesen gewöhnungsbedürftige Brauch, sich den Hintern nach dem grossen Geschäft, statt mit Toilettenpapier, mit einer Duschbrause sauber zu wischen, bzw. zu kerchern. In mir regte sich bereits vor Jahren eine Mischung aus Ekel und Nervosität, als ich zum ersten Mal den Startknopf eines Dusch-WC’s betätigte. Aber der Einsatz einer allgemein zugänglichen Duschbrause ist in diesem Zusammenhang noch mal eine ganz andere Liga. Die Ungewissheit, wie nah der Vorgänger mit der Brause seinem Einsatzziel kam und die Tatsache, dass hierbei der Begriff „Super-Spreader“ eine wirklich relevante Rolle spielt, macht die Sache für mich jedenfalls zu einem kleinen Abenteuer. Und „last but not least“ rundet die Tatsache, dass Toilettenpapier in Bella Italia nicht zwingend zum festen Bestandteil einer Camping-Toilettenanlage gehört, den Katalog mit den skurrilen Toiletten-Gewohnheiten ab. Wie ich zum meinem Leidwesen feststellen musste, gilt das nicht nur für Campingplatz-Toiletten, sondern auch für Kundenklo’s von Supermärkten. In genau einer solchen, im schönen Örtchen Cavallino-Treporti, hat sich vor einigen Tagen die folgende Geschichte zugetragen.

Wer kennt es nicht. Abseits der heimischen Toilette beginnt es plötzlich in der Magengegend zu rumoren und zu ziehen, so als hätte man gerade ein Gelege Nattern ausgebrütet. Die Broschüre mit dem lokalen Toilettenführer hat man natürlich gerade nicht zur Hand und langsam aber sicher wird aus den kurzen Krampfzuständen ein einziger, langgezogener Schmerzzustand, akustisch untermalt durch Geräusche, die man sonst nur von schlecht abfliessenden Abflussrohren oder vom Wildtiergehege her kennt. Obwohl dieses Phänomen hinlänglich bekannt ist, erwischt es einen meist zur falschen Zeit und an den denkbar ungünstigsten Orten. So wie auch mich an besagtem Tag. Wir waren im Auto unterwegs zu einem Supermarkt, als die Situation langsam drohte ein wirklich unschönes Ende zu nehmen. Ich schaute mich bereits nach geeignetem Buschwerk am Strassenrand um, als plötzlich das Signet der Supermarktkette am Horizont auftauchte. Die Formel für die Zeitberechnung einer Strecke, t = s/v, tauchte automatisch vor meinem geistigen Auge auf. Und da man auf die Strecke meist keinen grossen Einfluss hat, bleibt also nur noch die Geschwindigkeit als beeinflussbare Variable. Im Tiefflug legten wir also die restliche Strecke zum Supermarkt zurück und es war gut, dass der Parkplatz davor gerade nicht gut besetzt war. Mit Beinen, die zwischenzeitlich jede Federwirkung verloren hatten, stakste ich durch die Schiebetür und weiter zwischen den Gestellen mit Futteralen hindurch, ständig auf der Suche nach den erlösenden Buchstaben W und C. Doch so sehr ich mich auch anstrengte, die Pforte zum Lokus blieb meinem gehetzten Blick verborgen. Zu meinem Glück schien die Verkäuferin hinter der Wursttheke sowas wie ein Feingespür für Kunden in Not zu haben und kann diese nicht nur erkennen, sondern auch gleich richtig deuten. Noch bevor ich den Mund aufmachen konnte, deutete sie bereits mit dem Finger auf eine unscheinbare Tür unweit entfernt. Mehr schwebend als gehend setze ich mich mit den Worten „Grazie Mille“ in Bewegung und hörte in freudiger Erwartung bereits die Engel „Hosianna“ trompeten, als sich plötzlich wieder die vertraute Stimme der Fleischwarenfachverkäuferin in das himmlische Crescendo einmischte. Mein Italienisch ist wirklich grottenschlecht liebe Freunde, aber die aktuelle Situation schien mir sowas wie einen sprachlichen Generalschlüssel verliehen zu haben. Obwohl sie kein Deutsch sprach, verstand ich jedes einzelne Wort auf Anhieb: „Sie müssen aber erst den Schlüssel an der Kasse holen“. Schockschwere Not! DIE KASSE befindet sich im Gegensatz zur Toilette Lichtjahre weit entfernt! Es muss ein heroischer Anblick gewesen sein, wie ich aus der Schockstarre erwacht stockbeinig und mit schmerzverzerrtem Gesicht in Richtung Eingang wippte, begleitet von einer Geräuschkulisse, als hätte ich einen missgelaunten Bären unter dem T-Shirt versteckt. Dort angekommen, riss ich der irritiert dreinblickenden Kassiererin etwas unsanft den Schlüssel aus der Hand, drehte mich mit einer ungelenken Pirouetten wieder um und trat mit Schweissperlen dekoriert den finalen Gang zur Porzellan-Abteilung an. So oder ähnlich muss sich ein Marathonläufer auf der Zielgeraden fühlen. Was dann folgte, bedarf wohl kleiner detaillierten Beschreibung.

Kennt jemand das Lied von Jürgen von der Lippe? „Guten Morgen, liebe Sorgen“ lautet der Titel dieses 80er Jahre Klassikers, in welchem die Textpassage „Uuuuh, fertig, wo ist das Papier?“ vorkommt. Nichts auf der Welt beschreibt meine Gedankenwelt in dieser Situation besser. In den meisten Klo’s findet in solchen Situationen echte Alternativen. Eine herumstehende Ersatzrolle, ein schöner Handtuchspender oder eine vergilbte Gardine (sind ja irgendwie selbst schuld). Dieser Gedanke verhinderte im ersten Moment auch das aufkeimen von Panik, als ich den leeren Toilettenpapierhalter vor mir anstarrte. Als ich den Blick dann durch den restlichen Raum schweifen liess, den ich beim Reinstürmen aus verständlichen Gründen nicht so genau inspiziert habe, änderte sich das aber ganz schnell. Kahl, weiss gefliest lag der Raum vor mir mit nichts anderem darin, als einem Waschbecken und daneben ein Heissluft-Händetrockner und ein Seifenspender. Der Raum war wirklich gross und hätte Platz für dutzende Handtuchspender oder Toilettenpapier-Pyramiden geboten, aber hier schien man sich bei der Gestaltung an den Gesetzten des Purismus orientiert zu haben. Zum besseren Verständnis habe ich euch hier eine kleine Skizze angefertigt.


Nachdem sich dann auch in den Hosentaschen nichts brauchbares finden liess und Amy ihr Telefon nicht mit hatte, ging ich innerlich eine weiterführende Checkliste durch. Nach Abwägung sämtlicher Optionen, angefangen vom Opfern eines Kleidungsstückes bis hin zu einfach wieder Hose rauf, blieb mein Blick am Waschbecken hängen. Wer sich bereits mit dem Orient befasst hat, kennt vielleicht den etwas unappetitlichen Brauch, komplett auf Klopapier zu verzichten. In Häusern mit Stockwerktoiletten, wo vornehmlich Menschen aus dem Orient wohnen, findet man auch bei uns nicht selten eine bunte Ansammlung von gefüllten PET-Flaschen. Ich denke jetzt dürfte jedem klar sein, um was für eine Alternative zum Toilettenpapier es sich handelt und weshalb ich mich erst standhaft geweigert habe, dieses Erlebnis hier publik zu machen. Als das grauselige Werk endlich vollendet war, galt es auch noch den Allerwertesten wieder trocken zu bekommen. Bringt ja nichts, wenn man es mit trockener Hose soweit geschafft hat und danach rumläuft, als wäre die Sache wortwörtlich in die Hose gegangen. Es führte also kein Weg am bereits erwähnten Heissluft-Händetrockner vorbei. Die Position die man dabei einnehmen muss, damit der Luftstrahl auch eine Wirkung hat, kann sich jeder mit etwas Fantasie selbst ausmalen. Ich sag nur „Skifahren“ und „Abfahrt“. Mit einem seltsamen Gefühlsmix aus Entwürdigung und Erleichterung begab ich mich anschliessend wieder in’s neongrelle Rampenlicht des Supermarktes, wo Amy bereits auf eine Erklärung wartete.

Eine weitere Anekdote, die sich auf dem Campingplatz hier zugetragen hat und sich mit dem fachgerechten Umgang einer dieser WC-Duschbrause dreht, erspar ich euch … und vor allem mir selbst. Nur soviel: Der Einsatz will gelernt sein, möchte man im Anschluss nicht mit nassem Hinterteil den Rückweg antreten. Und mit Hinterteil mein ich auch den Rücken.


Da das nun erledigt ist (es fühlt sich tatsächlich schon viel besser an), möchte ich elegant aber bestimmt auf den eigentlichen Zweck dieses Blogs überleiten - die Reise. Wo waren wir denn eigentlich stehen geblieben? Ach ja, wir hatten Ende letzter Woche noch keinen Plan, wohin es wegen dem Mix aus Corona-Reisebeschränkungen, miesen Wetterprognosen und beschränkten Öffnungszeiten der Campingplätze weitergehen soll. Die Entscheidung dauerte dann letztendlich auch einen Tag länger als geplant, was uns einen weiteren Tag auf dem Campingplatz „Marina di Venezia“ in Cavallino-Treporti bescherte. Zugegeben, ein wenig war auch die leicht aus den Fugen geratene Abschiedszeremonie im Wohnwagen einer unserer frisch gewonnen Bekanntschaften schuld. Katerstimmung mitten im italienischen Schwerverkehr ist wirklich keine gute Voraussetzung. Eine grobe Ahnung hatten wir jedoch bereits, wohin es für uns weiter geht. Freunde von uns, die wir standesgemäßes vor ein paar Jahren auf einem Campingplatz am Gardasee kennengelernt haben, sind auf einem Campingplatz in der Toskana abgestiegen. Und da nach eingehender Prüfung aller Reisefaktoren der Verbleib in Italien sowieso immer mehr in den Fokus rückte, haben wir uns entschlossen, uns ihnen anzuschliessen. Toskana per se ist eine der schönsten Regionen Italiens, obwohl ich sie vom letzten Besuch her mit einer eher weniger schönen Anekdote assoziiere. Da platzte mir doch mitten am Strand einfach so der olle Blinddarm. Aber da kann ja die Toskana nichts dafür. Also ging es mit einem Tag Verspätung endlich weiter, quer durch’s Land, über den Cisa Pass an die Westküste Italiens. 6 Stunden später erreichten wir das in einem gigantischen Pinienwald vergrabene Örtchen Castiglione della Pescaia, direkt am schönen Tyrrhenischem Meer. Auf dem angepeilten Campingplatz „Baia Azzurra“ haben unsere Freunde bereits zwei Plätze direkt bei der Zufahrt aussondiert, in die unser Gespann passen müsste. Leider waren die aber noch besetzt, wodurch wir uns erstmal nach einem Platz für die Nacht umschauen mussten. Dafür wäre der grosse Parkplatz direkt vor dem Camping eigentlich ideal gewesen, aber aus einem Grund, den wir ehrlich gesagt nicht ganz verstanden haben, wollten sie uns da nicht haben. Dafür boten sie uns an, den 5th Wheel mitten auf den Hauptplatz des Campings zu stellen. Das war zwar ausserordentlich nett, aber die enge Zufahrt und das Wenden auf dem Platz wäre bereits bei Tageslicht eine kleine Herausforderung gewesen. Mittlerweile war es aber bereits zappenduster. Mit Hilfe von Roger, den wir mit seiner Frau Sybille und den Kindern Nathan und Ilaria hier besuchen, haben wir es dann letztendlich geschafft. Da stand er nun, unser 5th Wheel. Und ich hörte bereist eine Frau sagen: „Wird der hier zum Verkauf ausgestellt?“ Tags darauf bezogen wir dann endlich unseren Platz, richteten uns häuslich ein und genossen das wunderbare Wetter und den schönen Strand, von dem aus man bei guter Witterung sogar Elba in der Ferne erkennen kann.


So schreiben wir also heute Tag 6 nach N.A. (Nach Ankunft) in Castiglione della Pescaia, wovon uns die letzten 3 Tage leider wettertechnisch nicht gerade verwöhnt haben. Aber dank netter Gesellschaft haben wir auch das gut überstanden und heute herrscht bereits wieder eitel Sonnenschein bei 22°. Und auch der Forecast weiss für die nächsten Tage nichts anderes zu berichten. Die Kinder wie die „Alten“ verstehen sich blendend, das Meer lädt mit nach einer kurzen Überwindungsphase nach wie vor zum Baden ein, die Strandbar hat noch geöffnet und eine christliche Reisegruppe sorgt hier gerade für ordentlich musikalische Unterhaltung. Obendrauf hat diese Region auch einiges an altem Gemäuer zu bieten, welche eindrucksvoll belegen, dass hier bereits im Mittelalter ganz schön was los war. Bis zum 8. Oktober bleiben unsere Freunde mit ihren Kindern hier, was Grund genug ist, dass auch wir bis dahin nichts an der Lokalität ändern. Für die Zeit danach haben wir kürzlich wieder einen Silberstreifen an unserem Zukunftshorizont entdeckt, der den Rest unserer Reiseplanung massiv beeinflussen könnte.


Jemand schrieb Amy auf Instagram, ob uns bewusst ist, dass man in die USA einreisen kann, wenn man sich 2 Wochen zuvor nicht im Schengen-Raum aufgehalten hat. Klar haben wir uns bei unseren Recherchen vorwiegend auf unser Langzeitziel Canada konzentriert. Aber nichts desto trotz hätten wir das vermutlich trotzdem irgendwie mitbekommen. Etwas skeptisch aber hoffnungsvoll konsultierten wir daraufhin die offizielle Webseite des auswärtigen Amtes - und siehe da!!! Hat man sich zwei Wochen vor der Einreise nicht in einem „Schengenland“ (plus ein paar weitere europäische Länder) aufgehalten, steht einer Einreise in die USA offenbar nichts im Wege. Was diese Neuigkeit nun genau für uns bedeutet, können wir jetzt noch nicht sagen. Aber alleine die Tatsache, dass es wieder einen Weg auf den von uns geliebten nordamerikanischen Kontinent gibt, macht Mut und gibt uns Anlass, das Thema mal in Ruhe durchzukauen. Was dabei herauskommt, werden wir euch sicher in Kürze mitteilen können.

Den heutigen Blog schliessen wir mit dem Bericht über ein tragisches Ereignis, von welchem wir gerade erfahren haben und uns einmal mehr bewusst macht, wie schnell alles vorbei sein kann und man daher sein Leben geniessen sollte.

Heute Morgen war plötzlich das schrille Heulen von Ambulanz-Sirenen vor dem Campingplatz zu hören. Kurz darauf kreiste ein Rettungshelikopter dicht über dem Platz. Als wir für ein paar Drohnenaufnahmen zum Strand wollten, sagte man uns, dass dort jemand ertrunken sei. Wie wir gerade mitbekommen haben, handelte es sich dabei um unseren Nachbarn, mit dem wir die letzten Tage das eine oder andere sehr nette Gespräch hatten. Ruhe in Frieden und den Angehörigen wünschen wir ganz viel Kraft! Solche Momente machen uns immer wieder bewusst, dass man sein Leben geniessen und die Träume nicht auf die Lange Bank schieben sollte.

Hier gehts zum YouTube-Video.

Besten Dank für euer Interesse liebe Freunde, bleibt gesund und auf bald!

Eure "Home on Wheels" Reisevögel!