BACK TO CANADA BLOG #16
STEP 3 - USA - Eine fatale Entscheidung!

20.05-06.06.2021

Tja, wer hätt’s gedacht?!? Da stehen wir doch tatsächlich immer noch im Backyard von Kurt und Marlise im kalifornischen Simi Valley. Und dabei sah der ursprüngliche Plan vor, dass wir uns um den 22./23. Mai herum mal langsam wieder in Bewegung setzen. Denn mittlerweile haben auch noch die letzten National- und/oder State Parks ihre Winter- oder Pandemiepause weiter nördlich abgeschüttelt. Der massgebliche Grund weshalb wir immer noch hier stehen, nebst der Tatsache, dass wir uns nach wie vor sehr wohl fühlen, erfahrt ihr in einem kleinen Auszug aus unserem ganz persönlichen Tagebuch. Wir wünschen gute Unterhaltung!

Liebes Tagebuch
Wie vereinbart stand ich heute, dem 20. Mai, pünktlich um 08:30 auf der Matte des örtlichen RAM-Dealers in Simi Valley. Wie sich nun, knapp 2 Wochen später, herausstellen sollte, gehört die Entscheidung hier unser Bremspedal in Ordnung zu bringen, wohl nicht zu den besten Ideen die wir je hatten. Die Tatsache, dass wir auf das aktuelle Ergebnis nicht den geringen Einfluss haben, macht die Sache auch nicht besser - ganz im Gegenteil!
Es begann schon damit, dass sich mein in die Jahre gekommener Handy-Akku über Nacht auf mysteriöse Weise komplett entleerte und damit die pflichtbewusst eingestellte Weckfunktion obsolet machte. In meinen Augen gehört für solche Fälle immer ein kleiner atomar betriebener Not-Akku verbaut, aber das ist ein komplett anderes Thema. Der Grund, weshalb ich trotzdem pünktlich vor dem Schalter des Service-Departement stand, war letztendlich rein Amy’s pflichtbewusster innerer Uhr zu verdanken. Meine Hochachtung an dieser Stelle!
Das Prozedere nach der Ankunft war in ungefähr so, wie ich es auch aus der Heimat von grösseren Fahrzeughändlern her kenne. Wirklich Zeit hat niemand, die eigenen Problemschilderungen werden desinteressiert und grobschlächtig in ein Protokoll verpackt und im Endeffekt unterschreibt man dann irgend einen Wisch, der heutzutage etwa so einfach zu lesen ist, wie ein diagnostischer Überweisungsbericht eines Hausarztes. Die Beschreibung meines wackligen Bremspedals wurde dabei besonders skeptisch und halbherzig entgegen genommen. Alles in allem jedoch nichts, was bis hierhin eine Newsletter-Zeile wert gewesen wäre. Das änderte sich jedoch schlagartig, nachdem ich die Frage „holt Sie jemand ab?“ wahrheitsgemäss mit „Nein!“ beantwortet habe und daraufhin für die prognostizierte Wartezeit von 90 Minuten in den Warteraum des Händlertempels verbannt wurde. Irgendwie hallten noch schwach die Worte des Mitarbeiters nach, der ein paar Tage zuvor meinte: „Ach, das geht ganz schnell!“
So sass ich also kurz darauf in einem dieser in schwarzes Leder eingefassten Chromstühle, Modell „Hipper Le Corbusier“, und überlegte eifrig, was ich denn so alles mit meinen auf der Fahrt hierher hastig hineingepumpten 12% Handy-Akku auf 90 Minuten verteilt alles anstellen könnte. Mein Gott … was haben wir denn früher in solchen Situationen gemacht, als es noch keine Handys gab? Wage konnte ich mich noch erinnern, wie mir früher die analoge Variante davon, genannte „Zeitschrift“, die eine oder andere quälende Warteminute in irgendwelchen Wartezimmern versüsst hat. Also griff ich beherzt nach einem der zahlreich im Raum verteilten Magazinen. Eine Entscheidung, die ich rückblickend gesehen zutiefst bereue. Denn wie sich herausstellte, hat auch in diesem Bereich der Zahn der Zeit massiv an der Qualität genagt!
Es begann schon damit, dass die beachtliche Anzahl Magazine nicht die erwartete Vielfalt widerspiegelte. Um genau zu sein hatte man die Qual der Wahl zwischen der aktuellen Ausgaben des Magazins "Wine Spectator“ und der „US Weekly“. Und da ich absolut kein Freund der vergorenen Traube bin, fiel meine Wahl ganz schnell auf die kunterbunt bebilderte „US Weekly“.
Ich hätte bereits beim Blick auf die Titelseite erkennen müssen, aus welchem Holz die Redaktion dieses Schund-Magazins, ich kann es wirklich nicht anders betiteln, geschnitzt ist. Aber es muss bestimmt was ganz weiches sein - vielleicht Balsa oder Tanne. Ein Klatschmagazin der aller übelsten Sorte! Was einem da zum Lesefrass vorgeworfen wird, kann man sich selbst in seinen übelsten Träumen nicht ausdenken. Ein Einblick in die tiefsten Abgründe menschlicher Psyche. Und damit meine ich nicht die der ganzen Promis, die da drin zuhauf verrissen und verhohnepiepelt werden. Wenigsten waren die Schreiberlinge dieser schlecht recherchierten und plump verfassten Artikel so ehrlich, ihre Berichte jeweils mit einem „Insiders say“ gleich selbst zu deklarieren. Meine Güte … Schmerz lass nach!
Aber das wirklich schlimme daran ist, dass man diesem bunt bedruckten Haufen Klopapier einen gewissen Unterhaltungswert nicht absprechen kann. Der Innere Voyeur, dieser eklige Geselle, frohlockte und konnte es jeweils kaum erwarten, bis die nächste Seite aufgeschlagen wurde. Ich verspürte plötzlich einen unbändigen Drang, mich lange und ausgiebig zu duschen.
Zu meiner Verteidigung möchte ich allerdings anführen, dass mein altersschwacher Handyakku dazwischen gerade mal genug Saft für zwei halbwegs seriöse Zeitungsartikel aus der Heimat hergab und mir ansonsten keine echte literarische Alternative zur Verfügung stand. Denn dazu zählt der "Wine Spectator“ ganz bestimmt nicht. Inhaltlich unterschied sich dieses Traubensaft-Magazin lediglich durch die Menge der Werbeanzeigen. Hier eine Uhr von Cartier für 5’000 $, da eine Krawattennadel für schlappe 375 $. Manchmal ahne ich schon, weshalb ich nie über den Biertrinker „hinausgewachsen“ bin. Die Fotos der auf "wettergegerbte Winzer“ geschminkten Model-Bauern, die sich da lasziv auf zerknautschen Land Rovern räkelten, wirkten ebenso unecht, wie der vollmundig und verschwurbelt beschriebene Herstellungsprozess der ganzen Edel-Weinsorten. Wenn das die gute alte italienische Mama noch lesen könnte, die damals den Saft einfach per Fussarbeit aus der Traube gestapft hat.
So war ich dann wirklich froh, als man mich nach deutlich mehr als 90 Minuten mit der Nachricht erlöste, dass ich mein Fahrzeug hier lassen muss. Das Bremspedal müsse komplett ersetzt werden und aus Sicherheitsgründen werde dabei auch noch gleich der „Booster“, also der Bremsdruckverstärkler, mit ausgetauscht. Ich bin ja kein Experte, aber einen defekten Bremsdruckverstärker hätte ich wohl bemerkt. Irgendwie roch das ganze nach Geldbeschaffung, denn bezahlen, und das war die einzig gute Nachricht des Tages, muss es die Firma Dodge.
In der festen Überzeugung, dass so ein Bremspedal sowie ein Bremsdruckverstärker nichts exotisches ist und das Organisieren dieser Teile entsprechend schnell geht, wurde ich im Anschluss von einem netten, aus Mexico stammenden Angestellten zurück zum Haus von Kurt und Marlies gekarrt. Eine spannende Fahrt, bei der ich mit allerlei Guten Tipps für eine erfolgreiche Einwanderung in die USA ausgestattet wurde. Leider belegte dabei die Option „Heirate eine Amerikanerin“ erneut den unangefochtenen Platz 1. Und dieser Zug ist, was meine Wenigkeit anbelangt, schon abgefahren. Trotzdem war’s ein netter Plausch.

So, ich mach jetzt Schluss liebes Tagebuch. Bis bald!
Dein Martin

Zur Erinnerung, die ganze Geschichte spielte am 20. Mai 2021. In der Zwischenzeit ist der bereits an sich haarsträubende Liefertermin für den „Booster“, der uns mal für den 03. Juni versprochen wurde, ohne Ergebnis oder einer aussagekräftigen Terminalternative verstrichen. Bei einem Anruf, wenn man denn nicht auf einem seelenlosen Anrufbeantworter landet, wird einem jeweils ein Rückruf mit Neuigkeiten versprochen, auf den man dann nägelkauend vergeblich wartet. Schuld an dem ganzen Debakel, wie kann’s auch anders sein, soll natürlich massgeblich Corona sein. What else?! Irgendwie hätte ich von einer Firma dieses Kalibers etwas mehr Qualität erwartet. So warten wir also immer noch auf … ja auf was eigentlich? … auf alles. Wir hoffen dass sie die nächsten Tage endlich etwas bewegt. Denn wie heisst es ja so schön: Neue Woche - Neues Glück!
Wenigsten hat man uns zwischenzeitlich mit einem würdigen Ersatzfahrzeug ausgestattet. In irgendeiner kleinen Autovermietung durften wir auf Kosten des Hauses einen schönen Dodge Charter abholen. Wenngleich es vermutlich eher die günstige Variante ist, also die ohne viel „Brumm-Brumm“, macht dieser BadBoy aus doch enorm Spass und lindert so etwas den ganzen Ärger! 

Ganz anders verhielt es sich, als ich kurz darauf ein weiteres Stück amerikanischer Fahrzeuggeschichte umparkierten durfte. Ich für meinen Teil kann nach wie vor nicht nachvollziehen, weshalb einige Amerikaner sich lieber einen komplett von allen Charakterzügen losgelösten Europäer oder Asiaten zulegen, wenn man praktisch zum gleichen Preis so etwas haben kann. Aber Geschmäcker sind nunmal verschieden!



Der Alltag dazwischen hat sich mittlerweile gut eingependelt. Die Kinder erledigen mal mehr, mal weniger murrend ihren Schulstoff, ab und zu können wir den Menschen hier etwas zur Hand gehen, unser 5th Wheel hat mittlerweile weitgehend eine prophylaktische Neu-Versieglungg erhalten, es wird gebastelt und gekünstelt und kürzlich haben wir der „Library“ des ehemaligen Präsidenten Ronald Reagan einen Besuch abgestattet.



Dass angeblich jeder Präsident nach seiner Abdankung vom Präsidialamt eine eigene Bibliothek gebaut bekommt, war uns komplett neu. Und diejenige des legendären und leider mittlerweile verstorbenen Präsidenten Ronald Reagan befindet sich praktischerweise gleich hier um die Ecke. Eine schöne Anlage hoch oben auf einem Hügel mit atemberaubender Weitsicht, in die man unter Anderem noch die ehemalige „Air Force One", sowie einige weitere Exponate, integriert hat. Keine Ahnung wie die Bibliotheken der anderen Präsidenten aussehen, aber diese hier war den Besuch für schmales Geld absolut wert. Man lernt dabei nicht nur unglaublich viel Neues über einen der wohl verdientesten US-Präsidenten, sondern kann daneben die bereits angesprochene ehemalige "Air Force One“ und den dazu passenden Ex-Präsidenten-Hubschrauber „Marine One“ bestaunen und sogar betreten!






Was war noch? Ach ja, leider gibt es von der School Bus Front nichts Neues zu berichten. Kürzlich haben wir wieder ein interessantes Angebot in vertretbarer Reichweite gesehen, welches uns veranlasst hat, mal einen Bus, so wie wir ihn uns vorstellen, genauer zu planen. Was ist uns wichtig drin zu haben, auf was können wir verzichten. Ein Ergebnis dieser Planung war, dass für uns nur Busse ab 35 Fuss, also 11 Meter in Frage kommen. Bei School Busses die wir bevorzugen, also die mit einer „Nase“, muss man immer noch rund 7 Fuss für Motorhaube und Fahrerkabine abziehen. Bei 11 Meter Gesamtlänge blieben so Netto noch rund 9 Meter für das Wohnen übrig, was für Vollzeitreisende wie uns sicher nicht zu viel ist. Ausserdem besteht bei den Schulbussen hier das materielle Paradoxon, dass die ganz kleinen tendenziell einiges teurer sind als ihr grossen Brüder. Einen ersten Planungsentwurf, basierend auf einem 38 Fuss School Bus, möchten wir euch an dieser Stelle nicht vorenthalten. Träumen darf man ja immer und überall!


Auch von unserem Langzeit-Ziel, Canada, gibt es noch nichts konkret Neues. Einigen Gerüchten zufolge soll die Grenze Ende dieses Monats bereits geöffnet werden. Doch dies, so sind wir uns ziemlich sicher, dürfte wohl eher dem Wunschdenken einiger Reisehungriger entsprungen sein. Wenn, dann wäre wohl eine Öffnung Ende Juli ein eher realistisch. Wir hoffen es wirklich, denn langsam wird unsere offizielle Visa-bei langsam knapp. Die Hoffnung haben wir jedenfalls noch nicht verloren!


Wie geht es nun für’s Erste weiter? Zuerst müssen wir mal wieder mobil werden. Danach sieht unsere Planung vor, dem Highway 395 in Richtung Norden zu folgen. Dabei kommen wir an einer Fülle von National-, State- und Forest Parks vorbei, die wir allesamt noch nicht besucht haben. Fest auf dem Programm, wenn es die Covid-Bestimmunen bis dann noch zulassen, ist dabei sicher der Yosemite National Park. Alles andere entscheiden wir situativ, denn unser Betreben ist es nach wie vor, möglichst frei und kostengünstig Stehen zu können. Und das ist im Umfeld von Parks leider nicht immer selbstverständlich.

Wie immer zum Schluss noch kurz den Hinweis auf unser neustes Reisevideo auf unserem YouTube Kanal. Der Zusammenschnitt einiger der schönsten Wanderungen, die wir im Los Angeles Backyard gemacht haben! Wer es noch nicht gesehen hat, unbedingt reinklicken! Denn diese Landschaft ist einfach nur der Hammer! Hier gehts direkt zum Video!
Das nächste Begleitvideo zu diesem Video ist bereits in Bearbeitung, hat es leider bis Redaktionsschluss nicht mehr auf die Plattform geschafft. Am besten einfach bei Gelegenheit wieder mal reinschauen. Ansonsten werden wir euch im nächsten Newsletter sicher hinweisen.


So dann geschätzte Gefährten. Wir wünschen euch einen super Start in die neue Woche und grüssen euch ganz herzlich aus Simi Valley. Bis zum nächsten Mal & Macht’s gut!

Eure „Home on Wheels“
Martin, Amy, Lynn & Jamie