BACK TO CANADA BLOG #10
STEP 3 - USA - The BIG BEND!

06.-13.04.2021

Seid gegrüsst liebe Freunde! 

Mit kleiner Verspätung melden wir uns wieder zurück. Leider liess sich diese Verzögerung nicht vermeiden, denn da wo wir gerade herkommen, hatten wir über Tage weder Handyempfang geschweige denn Internet. Das ist zwar an sich nicht weiter schlimm, aber dadurch wurde aus der geplanten Sonntagslektüre wieder mal eine Montags-, bzw. bei den meisten Lesern sogar eine Dienstagslektüre. Doch vielleicht bringt er ja auch etwas Wind in den sonst eher meist harzigen Wochenstart. Wir wünschen jedenfalls gute Unterhaltung!

Es sind bereits wieder eine paar Tage vergangen seit unserem Aufenthalt zwischen den tiefroten Fels-Oschis in der Ortschaft Gallup (Arizona). Es ist unglaublich wie die Zeit verfliegt! Im letzten Newsletter haben wir bereits angetönt, dass wir unseren Blick Richtung Norden, wo sich der Grossteil der vielen schönen National- und State Parks der USA befinden, gerichtet haben. Und genau dahin führte nun unsere weitere Reise.

Der „Petrified Forest National Park“ sollte dabei unser erstes Ziel sein. 2019 haben wir diesen wegen seiner vor 200 Millionen Jahren versteinerten Bäume bekannten Nationalpark aus ökonomischen Gründen, sprich er lag gerade nicht gerade am Weg, leider verpasst. Aber dieses Mal bleibt ihm unser besuch nicht erspart.

„Petri“ … dieses Wort war mir bislang lediglich im Zusammenhang mit der Fischerei ein Begriff.„Petri Heil“ gehört ja dort zur Standard-Floskel, wenn man sich unter Gleichgesinnten über den Weg läuft, wobei man sich bewusst oder unbewusst auf den ehemaligen Fischersmann und späteren Apostel Petrus beruft. Soweit - so klar. Doch weshalb man denselben Wortstamm auch im Zusammenhang mit Steinen verwendet (Versteinerungen = Petrified / Steinmalereien = Petroglyphen), ist uns bis heute eher weniger klar. Soweit wir wissen, hat der gute alte Petrus ja nie mit Steinen nach Fischen geworfen und Graffitikünstler war er auch nicht. Irgendwie muss es da wohl einen anderen Zusammenhang, oder eben auch nicht, geben. Memo an mich selbst: „Bei Gelegenheit den Wortstamm von Petri recherchieren“.

Es ist schon ziemlich eindrücklich, wenn man da vor einem dieser Baumstamm-Kolosse steht, die original nach Holz aussehen, die Hand beim Drüberstreichen jedoch klar und unzweifelhafte die Diagnose „Stein“ stellt. Auch das Innenleben, mit all den Jahresringen, Verastungen, Kerben und Harzeinschlüssen, erinnert auf den ersten Blick nicht im Geringsten an einen Quarzklumpen. Doch soweit wir das verstanden haben, ist mittlerweile genau das daraus geworden. Eine Kurzfassung, von dem was sich da vor 200 Millionen Jahren abgespielt haben soll - also Obacht jetzt:
Baum fällt um, Vulkan bricht aus, Asche legt sich drüber, Wasser mit all den darin enthaltenen Mineralien vermischt sich mit Asche, Baum wird darin konserviert und minimalisiert, et Voilà: Quarz!
Jeder Geologe wäre ob meiner Zusammenfassung vermutlich entsetzt, aber so wird es dem gespannt lauschenden Touristen nun mal verkauft. Wie auch immer, das Resultat ist jedenfalls beeindruckend und beweist grundsätzlich, dass die Alchemisten doch nicht so weit von der Realität entfernt waren. Die einzige Zutat die ihnen fehlte, waren wohl einfach ein paar Millionen Jahre.



Der Parkname „Petrified Forest“, zu Deutsch „Versteinerter Wald“, hat sicher bei einigen Besuchern im Vorfeld schon zu komplett falschen Hoffnungen geführt. Wer sich der Romantik hingibt, er würde da durch einen Hexenwald wie aus einem Märchen marschieren, in dem eine Hexe ihre miese Laune an der Vegetation ausgelassen hat, der wird vermutlich enttäuscht wieder nach Hause gehen. Es ist wirklich nicht so, dass man hier durch einen versteinerten, aber optisch klar als solchen erkennbaren Forst spaziert. Vielmehr liegen da Überreste von Baumstämmen, mehr oder weniger Intakt, überall auf dem riesigen Parkareal verstreut. Mal einfach lose in der Pampa, mal zusammengetragen und schön drapiert an einem der vielen Touristen Sammelstellen. Die Magie dieses Ortes liegt rein darin, dass man 200 Millionen Jahre altes Holz vor sich liegen hat, welches rein theoretisch zu Gattung „Stein“ gehört. In unseren Augen eindrücklich genug und ich möchte mal nicht wissen, wie gross die Verwunderung war, als die ersten Ureinwohner hier ihr Feuerholz eingesammelt haben. „Verflixt, weshalb ist das so schwer“ und „Mist, das Zeug brennt wieder nicht“ waren damals vermutlich oft gehörte Sätze.

Der Park ist in zwei Teile gegliedert. Kommt man wie wir von Norden her, muss man sich etwas in Geduld üben, bis man die ersten Exponate zu Gesicht bekommt. Dafür wird man in der ersten Hälfte mit Sandsteinformationen entlohnt, die nicht von dieser Welt scheinen. Riesige Talkessel, in denen sich unzählige Hügel aneinanderreihen, die man treffenderweise „Painted Desert“, also „Angemalte Wüste“ nennt. Einige Steingraffiti (Petroglyphen), die man leider nur mit dem Fernglas erspähen kann, runden die Attraktionen in der ersten Hälfte des Parks ab. Die vorgängig beschriebenen Steinhölzer liegen vorwiegend in der südlichen Hälfte des Parks. Der Weg dahin führt über die ehemalige „Route 66“, die mittlerweile völlig unspektakulär zur „I-40“ umgewandelt wurde.





Als Fazit würden wir sagen, dass der „Patrified Forest National Park“ keinen Eintrag in unsere Top 10 Liste gefunden hat. Aber wenn man in der Nähe ist, würden wir von einem Besuch ganz bestimmt nicht abraten. Was ihn allerdings für Leute wie uns, die gerne günstig und schön übernachten, besondern lohnenswert macht, ist die Tatsache, dass sich kurz nach dem südlichen Park-Gate das „Crystal Forest Museum“ in der Ortschaft Holbrook befindet. Unmittelbar neben diesem Tempel für ramschsüchtige Touristen befindet sich ein Kiesplatz mit rund 30 Stellplätzen, inklusive einiger gedeckter Picknicktische. Trotz dieser verhältnismässig bemerkenswerten Infrastruktur kann man dort absolut kostenfrei übernachten. So war es also dank unseren Annual Pass (freier Eintritt in alle National Parks) und der Gutmütigkeit des „Crystal Forest Museums“ ein gelungener und kostenfreier Ausflug.


Persönliche Erfahrungen, Recherchen, Wetter, Temperatur und die geografische Lage sind bei uns gerade die Richtwerte, nach denen wir unsere Reiseroute festlegen. All das zusammen hat nun zu dem Entschluss geführt, dass wir erneut Kurs in Richtung „Grand Canyon National Park“ nehmen. 

Diesen Park haben wir 2019 bereits besucht und dabei ist er uns mehr als nur in bester Erinnerung geblieben. Bereits die Anfahrt, vorbei an Ortschaften wie „Willams“ oder „Flagstaff“, ist wirklich schön und der Blick aus der Windschutzscheibe ausnehmend abwechslungsreich. Lediglich der Zustand des Fahrbahnbelages lässt besonders auf den letzten Meilen Richtung „Grand Canyon“ massiv zu wünschen übrig. Während man überall im Land den Covid-bedingten Wirtschaftsstillstand sonst dazu genutzt hat, einige Mängel in der öffentlichen Infrastruktur zu beseitigen, hat man dies hier scheinbar nicht für nötig erachtet. Dunkle Schlaglöcher, so gross wie Kinderbadewannen, tauchen immer wieder und unvermittelt im schwarzen Strassenbelag auf. Viele davon sind bereits von weit her gut erkennbar, einige jedoch haben sich wirklich sehr gut im Asphalt getarnt. 
Bevor ich nun zum Bouquet dieser Story komme, muss ich kurz ausholen. Wenn man die USA bereist, wird einem schnell klar, welcher Faktor die Liste der häufigsten Fahrzeugpannen anführt. Tonnen von abgeschälten Reifenteilen liegen überall am Strassenrand herum, wenn nicht gar mitten darauf. Auch die vielen am Strassenrand aufgebockten LKW’s und Camper, an denen man mit einer Mischung aus Mitgefühl und „zum Glück nicht wir“ vorbeizieht, lassen keinen Zweifel daran, wer der König aller Pannen ist. Bei unserer ausgedehnten Reisetätigkeit stellte sich also weniger die Frage „ob“, sondern eher „wann“ auch uns dieses Schicksal ereilen wird. Und heute war es also soweit. 

Urplötzlich und ohne erkennbaren Zusammenhang zu einem kürzlich übersehenen Schlagloch ertönte ein lauter Knall, gefolgt von einem unwuchtsgeschwängerten „Flop, Flop, Flop“. Zum Glück befand sich gleich vor uns einer dieser sonst eher raren Ausfahrtsstreifen, auf welchem wir eine Staubwolke hier uns herziehend zum Halen kamen. Amy und ich stiegen gleichzeitig aus, um eine Situationsanalyse vorzunehmen. Während ich auf meiner Seite noch vergeblich und damit voller Hoffnung auf Ursachenforschung war, hatte Amy auf ihrer Seite bereits unerfreuliche Gewissheit erlangt. Der Vordere der Doppelbereifung war komplett bis auf die Unterschicht abgeschält. Und nicht nur das. Als sich der Reifen in seine Bestandteile auflöste, hat er auch noch gleich den Kunststoff-Kotflügel mit in den Tod gerissen sowie eine Metallverstärkung verbogen. Damit wäre auch geklärt, was dieses „Flop, Flop, Flop“ Geräusch verursachte.


Aber es gab auch gute Neuigkeiten! Zum einen befand sich die Felge noch im Original Zustand (da haben wir schon ganz üble Sachen gesehen) und zum anderen waren wir stolze Besitzer eines nagelneuen Ersatzreifens. Mit diesem geistigen Rückenwind legten wir also los. Unsere automatischen Nivellierungs-Stützen funktionierten dabei einwandfrei als Wagenheber und so waren wir bereits nach 30 schweisstreibenden Minuten für’s Erste wieder fahrtauglich. Das Ersatzrad hätte mit seiner kalkweissen Stahlfelge dabei sicherlich keinen Schönheitswettbewerb gewonnen, aber darum ging es ja auch nicht. Eher darum, uns heil zurück in die Ortschaft „Williams“ zu bringen. Denn dort, so hatte Amy in der Zwischenzeit herausgefunden, gab es tatsächlich einen Reifenhändler, der sich auch grösseren Camper-Mobilen annimmt.

Leider wussten wir aus Erfahrung nur zu gut, dass dies noch lange nichts heisst. Oft haben die kleineren Garagenbetriebe nicht die entsprechenden Ersatzteile am Lager oder sie sind bis über beide Ohren, bzw. Hände, mit Arbeit ausgelastet. Doch unsere Glückssträhne liess uns erneut nicht im Stich. „J.P.“, der Chef der Garage persönlich, schien ein besonders grosses Herz für in Not geratene Touristen zu haben und vermutlich waren wir auf nicht die ersten, die auf dieser Schlaglochpiste in die Bredouille geraten sind. So hatte er nicht nur gleich 4 passende Reifen an Lager, sondern er nahm sich auch gleich Zeit für die Montage. Ja, ihr habt richtig gelesen. Wir haben gleich alle 4 Reifen ersetzt. „J.P.“ zeigte uns alle Arten von Reifen. Doch als er hörte, dass wir sogenannte „Fulltimer“ sind (Menschen die permanent in solchen Geführten wohnen), riet er uns dringend zu einem Upgrade. Uns war schon bewusst, dass die Händler ihre Fahrzeuge nicht mit den hochwertigsten Reifen ausliefern. Doch einen solchen Unterschied hätte ich nicht erwartet. Als „J.P.“ mir die Mutter aller Camper-Reifen präsentierte, blieb mir kurz die Spucke weg! Im Gegensatz zu unseren alten Latschen wiesen diese die dreifache Materialdicke auf und waren gespickt mit allerlei Metallgeflecht. So muss in meinen Augen ein Camper-Reifen aussehen! Natürlich war dieses Upgrade nicht gerade günstig. Doch in Anbetracht dessen, dass wir noch einige möglichst unbeschwerte Meilen zurücklegen wollen, haben wir letztendlich in diesen sauren Apfel gebissen. Und es handelt sich ja dabei um eine Investition in unser Zuhause.


Mit einer riesigen Portion Glück, dem guten Willen von „J.P.“ und einen erleichterten Bankkonto passieren wir 3 Stunden später erneut die Stelle, wo das ganz Unheil seinen Lauf nahm. Nur dieses Mal mit einem guten Gefühl und einer Laufruhe beim Anhänger, wie ich sie noch nicht erlebt habe! Um den demolieren Kotflügel und die verbogene Metallstrebe werden wir uns bei anderer Gelegenheit kümmern. Beides hat weder eine lebenserhaltende Funktion noch einen Einfluss auf die Sicherheit oder sonst was, also kann es warten.

Mit einigen Stunden Verspätung erreichten wir unseren Stützpunkt für die kommenden Tage und den Ausflug zum „Grand Canyon“. Und dieser befand sich mitten im „Kaibab National Forest“, einem öffentlichen Waldgebiet kurz vor dem Südeingang des Parks. Urig, wunderschön, mitten in der Natur gelegen und absolut kostenfrei!

Wie ursprünglich hier noch alles ist, zeigte sich uns in Form einer sauber abgenagten Wirbelsäule, die vermutlich von einem der zahlreichen Hirsche hier stammt und direkt vor unserem Camper lag. Amy baute dieses leicht morbide Geschenk der Natur umgehend in den Anatomieunterricht für die Kids ein, die so allerlei über die Beschaffenheit und Funktion einer Wirbelsäule sowie den verbliebenen Rippen demonstriert bekamen. Und so endete kurz danach dieser Tag trotz des Zwischenfalls noch gemütlich mitten in der schönen Natur bei einem kühlen Bierchen.


Mitten in der Nacht riss uns dann jäh ein Geräusch aus dem Schlaf. Es war das Geheul von Kojoten, wie wir es auf dieser Reise schon viele Male gehört hatten. Neu war dieses Mal jedoch die Lautstärke, bzw. die Distanz, aus der das Gejaule kam. Zwei Kojoten, soviel war sicher, heulten gleich vor unserem Schlafzimmer um die Wette. Ob sie auf der Balz waren (oder wie das bei Kojoten heisst) oder klassisch einfach nur den Mond anheulten, konnten wir leider nicht heraushören. War aber auch egal, denn speziell war dieses Erlebnis allemal und für sowas opfert man dann auch gerne ein paar Minuten seines wertvollen Schlafes.

Der nächste Morgen hielt dann eine erneut pelzige, nein halt (!), eine haarige Überraschung bereit. Mit einem vollen Becher dampfenden Kaffees in der Hand wollte ich mich gerade auf die Suche nach Kojotenspuren begeben, als im Augenwinkel eine Bewegung meine Aufmerksamkeit erregte. Lagen da zwei ausgewachsene Hirschkühe im struppigen Gras und glotzen mich doof an. Im Gegensatz zu mir schienen sie keineswegs beeindruckt und liessen sich auch nicht im geringsten beim Sonnenbad stören. Irgendwann kam dann auch noch der Rest der Herde aus dem Unterholz gegrast. Erst das Geheul der Kojoten mitten in der Nacht, dann Hirsche zum Morgenkaffee … wäre in diesem Moment ein lila Einhorn mit regenbogenfarbener Mähne aus dem Unterholz getrottet, wir hätten es vermutlich völlig unbeeindruckt gegrüsst. Was für eine kitschige Welt hier draussen!

Irgendwann zogen die Hirsche weiter und auch wir machten uns kurz darauf auf den Weg. Denn heute stand ja der Besuch des „Mighty Grand Canyon“ auf dem Programm! Wie bereits 2019 haben wir uns auch dieses Mal für den „South Rim“ entscheiden, da dieser Teil des „Grand Canyon“ einfach besser in unsere Reiseroute passte. Wobei der Unterschied zwischen dem nördlichen und südlichen Teil des „Grand Canyon“ angeblich eh nur marginal sein soll. Unseren Camper liessen wir dabei alleine im Wald zurück. Ein abgenagtes Skelett sollte jedem Warnung genug sein und ausserdem ist es schon schwer genug ist, alleine mit dem Auto einen Parkplatz zu finden. 

Wir hatten ohnehin geplant, nach der Rückkehr noch eine weitere nach in diesem Freiwild-Zoo zu verbringen. Knapp 30 Minuten später standen wir also exakt an der gleichen Stelle der Canyon-Kante, an der wir 2019 den ersten Blick hinunter in dieses Natur-Spektakel erhaschten. Und obwohl wir bereits wussten was uns erwartet, hatte der Anblick nichts von seiner Magie verloren. Schweigend und starrend versuchten wir einige Minuten lang, die Flut von Eindrücken in uns aufzusaugen und zu verarbeiten, was natürlich unmöglich war. Es ist einfach unbeschreiblich, was sich die Natur hier in dieser überdimensionalen Bodenverwerfung an Farben und Formen ausgedacht hat. Dazu die beeindruckende Tiefe und das ganze über eine Fläche verteilt, wie man sie sich als Mitteleuropäer kaum ausdenken kann. Besser können wir es euch leider nicht beschreiben und selbst Bilder kommen der Realität nicht annähernd nahe. Das muss man wirklich selbst erlebt haben!




Der Canyon-Kante entlang ging es danach auf dem sogenannten „South Rim Trail“ ein paar Meilen Richtung „South Kaibab Trail“, der sich ganz am südlichen Ende dieses Parkbereiches befindet. Nachdem wir beim letzten Besuch über den absolut beeindruckenden „Bright Angel Trail“ ein Stück weit in den Canyon hinunter gewandert sind, wollten wir dieses Mal keine alten Pfade mehr austreten und haben uns deshalb für den zweiten Trail hinunter in die Tiefe des „South Rim“ entschieden.

Der „South Kaibab Trail“ beginnt wie der „Bright Angel Trail“ mit einem herrlich steilen Abstieg hinunter in diesen massiven und fast senkrecht abfallenden Talkessel. Über unzählige Windungen führt ein schmaler Pfad schroff dem Abgrund entlang immer tiefer in Richtung „Colorado River“, der sich in der Talsohle des Canyons entlang schlängelt. Wer den allerdings erreichen will, muss nicht nur eine gute Kondition mitbringen, sondern auch gleich die entsprechende Ausrüstung für eine Übernachtung. 6,3 Meilen geht es 1800 Höhenmeter steil abwärts und danach den gleichen Weg wieder hoch. In einem Tag ist der Abstieg inklusive des ungleich beschwerlichen Aufstieges daher nur schwer zu schaffen. Soviel wir gehört haben, gibt es sogar eine 7-Tages-Wanderung entlang des Canyon-Grunds, an dessen Ende man entweder zu Fuss wieder hochsteigt oder ein am Fels angebrachtes Telefon benutzt, um einen Hubschrauber zu ordern. Klingt fast zu abenteuerlich, aber in diesem Land würde es uns jedenfalls nicht wundern. Unser Einer hat sich jedenfalls entscheiden, nur bis zum sogenannten „Ohh, Ahh Point“ abzusteigen. Knapp 200 Höhenmeter verteilen sich dabei auf eine Strecke von nur rund 2 Kilometer pro Weg. Klingt erstmal nach wenig, zehrt aber angesichts der restlichen Umstände schon ordentlich an der Puste. Man darf nicht vergessen, dass man sich auf rund 2000 Meter über Meer bewegt und Schatten Mangelware ist. Aber die Anstrengung hat sich gelohnt. Am Ende dieses Weges eröffnet sich einem ein Ausblick, der alles von Oben gesehene nochmal ein Stück weit in den Schatten stellt. Es war wirklich schwer, das Zusammenspiel der verschiedeneren Terrassen, mit all den darin enthaltenen Formen und Farben bis hinunter in den engen Talkessel in eine logische Reihenfolge zu bringen. Man hatte ständig das Gefühl, einer optischen Täuschung zu unterliegen. Einfach nur surreal! Im Gegensatz dazu war uns dafür umso klarer, weshalb man diesen Ort „Ohh Ahh Point“ benannt hat. Einen besseren Namen hätte man sich dafür nicht ausdenken können!





Insgesamt betrug die gewanderte Strecke heute, den „South Rim Trail“ einkalkuliert, rund 10 Kilometer. Für unsere Verhältnisse genug Sohlenarbeit für einen Tag. Für den Rückweg zum Parkplatz haben uns deshalb eine Fahrt mit dem Bus gegönnt. Kostet ja nichts und ausserdem bekommt man dabei noch etwas Sightseeing geboten, da auch die Strasse meist direkt an der Felskante entlang führt. Müde aber rundum zufrieden mit uns und der Welt erreichten wir so kurze Zeit später wieder unser Basislager, wo wir alsbald und ohne lange Umwege in die Federn krochen. Die Kojoten blieben stumm diese Nacht oder wir waren einfach zu platt, um es mitzukriegen.

Die Entscheidung den „Grand Canyon“ nochmals zu besuchen war goldrichtig. Und wie sich herausstellte, wurde gerade am Tag unserer Abreise auch das östliche Portal zum Park wieder eröffnet, was die Wegstrecke zu unserem nächsten Ziel enorm verkürzte. Der bislang wegen Covid geschlossene Ostausgang führt in das Gebiet der Navajo-Indianer, die sich wegen der Ansteckungsgefahr bislang strikt geweigert hatten, ihr Territorium für den öffentlichen Personenverkehr zu öffnen. Eine wilde und einsame Gegend, die nur von einer zweispurigen Strasse durchschnitten wird. Menschenskind! Aber keine Sorge Freunde … dieser Newsletter bleibt ausnahmsweise mal absolut frei von jedwelcher Kritik an diesen ganzen Ergüssen menschlicher Irrungen und Wirrungen!

Unser nächstes Ziel war die Ortschaft „Page“ an der Grenze zu Utah, wo sich einer der charmantesten Walmart-Parkplätze für Übernachtungen befindet, die wir auf unseren gesamten Reisen hier in den USA je gesehen haben. Ruhig, schön gelegen und sehr gepflegt. In dieser Kombination eine echte Rarität! Auf diesem Walmart waren wir bereis auf unserer letzten Reise abgestiegen und haben dabei erlebt, wie andere Camper-Gäste sich mitten auf dem Asphalt ausladend eingerichtet und des Abends zu gemütlichen Treffen zusammengefunden haben.


Die Beliebtheit dieses Walmarts hat sicherlich auch mit seiner Lage zu tun. Nahe am Lake Powell und fast in Gehweite zum berühmten Horse Shoe Band eignet er sich hervorragend für eine Fülle von lohnenswerten Ausflügen. Der Horse Shoe Band war weniger der Grund dafür, weshalb wir gleich zwei Nächte hier geblieben sind. Denn dieses gigantische Fluss-Hufeisen haben wir 2019 bereits bestaunt. Der Grund war eher das extrem leistungsstarke und freie Internet des Walmart, dank welchem wir endlich die Möglichkeit gefunden haben, die angestauten Reisevideo auf unseren YouTube Kanal hochzuladen. Die Links zu den beiden aktuellen Reisevideos findet ihr gleich am Ende dieses Newsletter!

Parallel dazu fanden wir auch noch Zeit, um uns einigen anderen, längst überfällige Dinge zu kümmern. Darunter die längst überfällige Fahrzeug- und Kleiderwäsche sowie das Auffüllen und Entleeren sämtlicher Tanks. 4-5 Tage, je nachdem wie wir „haushalten“, schaffen wir mittlerweile mit unserer On-Board-Versorgung, dann müssen wir jedoch schnellstens wieder eine Dumping Station aufsuchen.

Dieser Walmart in Page ist wirklich einmalig. Trotz der Tatsache, dass wir gleich zwei Nächte an ein und demselben Ort standen, kam keiner der Angestellten auf die Idee, mal bei uns anzuklopfen. Das übernahm dafür einer der sogenannten „Natives“, also Ureinwohner, die hier ihn der Gegend beheimatet sind. Wie bereits erwähnt, haben überdurchschnittlich viele der verschiedenen Ureinwohner in den USA, trotz einer Fülle an Reparationsleistungen und Sonderprogrammen von staatlicher Seite her, einfach die Kurve nicht gekriegt. Alkohol und Drogenkonsum scheinen dabei der bessere Karriereberater zu sein. Schwankend und lallend stand da also einer dieser Indianer vor der Tür und bettelte um 8 USD für „Essen“. Auch wenn man Bier „flüssiges Brot“ nennt, ersetzt es noch lange keine vollwertige Mahlzeit. Also liess ich ihn freundlich aber bestimmt abblitzen. Ihn und seine zwei Freunde sollten wir kurz vor unserer Abreise wieder begegnen, als sich einer davon im Delirium für ein Nickerchen neben die Räder unseres 5th Wheel legte, ein weiterer sich halbnackt auf dem Rücksitz eines Pickups fläzte, während unser Freund, der einzige der noch halbwegs laufen konnte, seine Camper-Betteltour über den Parkplatz fortsetzte. Zum Glück haben Amy und die Kids die Schnarchnase neben unseren Rädern noch entdeckt, das hätte auch in’s Auge gehen können. Sowas ist wirklich traurig, leider aber kein ungewohntes Bild in den USA. Und auch wenn es heute zum guten Ton gehört, sowas vehement und keifend in Abrede zu stellen, so spielen dabei doch überdurchschnittlich oft Menschen der „First Nation“ eine unrühmliche Hauptrolle. Klar könnte man das Rad dazu noch unendlich weiterspinnen und alle möglichen Kausalitäten heraufbeschwören, bis letztendlich auch dafür wieder der „böse, weisse Mann“ die Schuld trägt. Aber damit wäre den Leuten auch nicht geholfen. Denn die mittlerweile zahlreichen Möglichkeiten und Privilegien, die der Staat dieser Bevölkerungsgruppe zur Verfügung stellt, konnten an dieser Misere bislang auch nichts ändern. Letztendlich kann man halt niemandem die Selbstverantwortung abnehmen.

Nachdem ich den Indianer erfolgreich unter unserem 5th Wheel hervorgescheucht hatte, ging es für uns ein kurzes Stück weiter an den Lake Powell, wobei wir auch die Grenze von Arizona zu Utah überschritten. Eines von Amy’s Wunder-Apps hatte ihr dort einen schönen Flecken direkt am Strand offenbart, auf dem man für schmales Geld übernachten kann. Der „Lone Rock Beach“ mitten in der „Glen Canyon Recreation Area“. Die Namensähnlichkeit zum „Grand Canyon“ ist wohl eher Zufall, womöglich sogar ein sprachlicher Unfall. Denn einen Canyon konnten wir bei unserer Ankunft am „Lone Rock Beach“ wirklich nicht erkennen. Eine Gemeinsamkeit, die jedoch nichts mit dem Namen zu tun hat, findet man jedoch klar in der Schönheit der beiden Orte! Wenngleich der „Lone Rock Beach“ um einiges weniger touristisch ist und man mit seinem Vehikel bis direkt an den Rand fahren kann. In diesem Fall, an den Rand des Sees.


Doch ganz soweit runter wollten wir dann doch nicht. Die Gefahr im Sand stecken zu bleiben war einfach zu gross. Wir haben mehrere Leute gesehen, denen genau das passiert ist und irgendwie hatte das ganze Geschaufle danach nichts reizvolles an sich. Wir haben uns alternativ für einen knapp 100 Meter vom See entfernt und leicht erhöhten Platz entscheiden. Und mit Platz meine ich nicht einen Stellplatz. Denn davon gib es am „Lone Rock Beach“ keine. Jeder stellt sich dahin, wo es ihm gerade gefällt. So standen da auf grosser Sandfläche verteilt edle Luxus-Karossen neben Campern, die ihre besten Tage längs gesehen haben, in einem bunten aber harmonischen Stelldichein.

 



Drei wunderschöne Tage verbrachen wir letztendlich in unserem „Haus am See“. Leider waren alle Schwimmwesen bei Walmart komplett ausverkauft, was dazu führte, dass unsere Kajaks unberührt auf dem Dach festgebunden blieben. Ein unnötiges Risiko wollten wir bei den noch eiskalten Wassertemperaturen nicht eingehen und so liessen wir es bleiben. Dafür entstauben Jamie und ich wieder Mal unsere Angelausrüstung. Gefangen haben wir zwar nichts, aber beim Fischen ist manchmal einfach der Weg das Ziel und Spass hat es allemal gemacht. 

Mehr Erfolg hatte Papa dafür bei seinem ersten Auslandseinsatz mit dem Metalldetektor. Am Abend spülte der unermüdliche Einsatz immerhin satt 50 Cent in unsere Hauskasse. Das ganze noch ein paar Tage länger und wir hätten uns eventuell bereits ein Eis davon kaufen können. Wir werden es wohl nie erfahren.


Der einziger Minuspunkt an diesem Ort ist der teilweise orkanartige Wind, der in Böen wie aus dem Nichts auftaucht, den Camper durchschüttelt und dabei den feinen Sand in jede noch so schmale Ritze drückt. In der ersten Nacht riss uns einer dieser Stürme mit viel Geheul aus dem Schlaf, was uns übrigens nicht halb so sehr entzückte, wie das ähnlich klingende Geheul der Kojoten. Aber selbst dieser Umstand war beim öffnen der Jalousie am Morgen schnell wieder vergessen. So einen Ausblick vom Schlafzimmer aus hatten wir vermutlich noch nie! Der glitzernd blaue Arm des Lake Powell, in dessen Mitte der„Lone Rock“ thront und dahinter die wie aus fliessender Lava geformten Felsen. Gekostet hat der Spass im Endeffekt übrigens nichts. Da wir bis am Ende keinen Ort gefunden haben, der nicht wegen Covid geschlossen war, haben wir es irgendwann aufgegeben und uns von Dannen geschlichen. Wobei „Schleichen“ nicht der richtige Begriff ist, denn es war ja von offizieller Seite her niemand da, der uns hätte entdecken können. Aber auch wenn, wäre es eh nur ein symbolischer Beitrag von 14 USD pro Nacht gewesen, was wir in Anbetracht der überwältigenden Schönheit hier wirklich gerne bezahlt hätten. So bleibt uns aber zumindest die Gelegenheit, uns hier offiziell beim Staat Utah für die Gastfreundschaft an zu bedanken. Es war einfach nur grossartig!

Hier wie versprochen hier noch die beiden Links zu den aktuellen Travel-Videos, die diesen Newsletter in Farbe und Ton ergänzen:
Video 1
Video 2

Und damit endet einmal mehr unser Reisebericht für diese, bzw. die vorangegangene Woche. Wie ihr ja wisst, findet unserer Berichterstattung immer eine Woche verzögert statt. Und daher können wir euch jetzt schon versprechen, dass der nächste Newsletter ein paar ganz tolle Neuigkeiten bereit hält. Bleibt also dran liebe Freunde, wobei wir euch in der Zwischenzeit herzlich grüssen!

Eure „Home on Wheels“
Martin, Amy, Lynn & Jamie