BACK TO CANADA BLOG #6
STEP 3 - USA - Turbulente Zeiten

15.-24.02.2021

Entschuldigt die Verspätung Freunde. Der Grund dafür werden ihr spätestens beim Lesen des umfangreichen Newsletters erfahren. Denn es war eine sehr ereignisreiche Zeit und vieles davon erforderte unsere volle Aufmerksamkeit. Daher wurde der Newsletter auch in mehreren Etappen geschrieben und es kann daher gut sein, dass vielleicht die eine oder andere Zeitform etwas merkwürdig erscheint. Wir sind jedoch sicher, dass ihr den Zusammenhang trotzdem nicht verliert.
Hier also der neuste Newsletter. Viel Spass beim Lesen!

Dass die Tatstatur gerade mehr klappert als sonst, hat nichts mit irgendeiner Fehlfunktion des Laptops zu tun, sondern mit meiner leicht unter Reiz stehenden Emotionslage. Denn während unsere persönliche Einreise in die USA erstaunlich reibungslos ablief, entwickelt sich nun der Fahrzeugimport zu einer erneuten Zerreissprobe für unser erprobtes Nervenkostüm. Irgendwie durchleben wir gerade ein albtraumhaftes Déjà vu! Aber mal alles schön der Reihe nach.

Im letzten Newsletter haben wir darüber berichtet, dass wir nach der erfolgreichen Einreise in die USA ein paar schöne erste Tage in unserem kleinen aber gemütlichen Appartement direkt am Myrtele Beach verbracht haben und dabei auch auf die sehr angenehme Gesellschaft einer alten Bekanntschaft aus unserer ersten USA-Reise zählen durften. Auch in dem folgenden Tagen war der Besuch der Familie Sastamoinen, so der Name unserer Reisebekanntschaft, ein regelmässiger Bestandteil unseres abwechslungsreichen Wochenablaufs. Wenn man wie sie 6 Adoptivkinder hat, ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass dabei gleich zwei Geburtstagspartys auf der Traktandenliste standen. Beide fanden übrigens ins deren 5th Wheel statt ... mit jeweils über 20 Personen. Man kann sich vorstellen, was das für ein Monstrum von Fahrzeug ist!



Einer der gemeinsamen Ausflüge findet hier aus zweierlei Gründen eine besondere Erwähnung. Einerseits zeigt er den Stellenwert des Home-Schooling in den USA und andererseits den Umgang mit Covid, zumindest soweit wir das bislang in South Carolina erlebt haben.

Als wir gefragt wurden, ob wir sie in den „Big Air Trampolin Park“ begleiten würden, mussten wir natürlich nicht lange überlegen. Alleine schon aus Gründen der Körperertüchtigung, die besonders bei den Kindern in den letzten Tagen doch etwas gelitten hat. Und Trampolin-Parks sind ja wie geschaffen dafür, die Kids wiedermal so richtig durchzubewegen.

Was uns dann im Innern der unweit unseres Appartement gelegenen Hüpf-Halle erwartete, war ein eindrücklicher Beleg für das US-Lebensmotto „Bigger is Better“. Ich weiss nicht ob ihr die Sendung „Ninja Warrior“ kennt? Eine im grossen Stil organisierte und international ausgetragene Sportsendung, bei der Kandidaten in Erwartung an eine stattliche Siegerprämie durch einen Hindernis-Parcours gescheucht werden. Gleich mehrere dieser Parcours waren in diesem „Big Air Trampolin Park“ beheimatet, wobei das nur einen kleinen Bestandteil der gesamten Indooranlage darstellte. Während dieser Ausflug für die Kinder aus unterhaltungstechnischer Sicht ein absolutes Highlight war, erfreuten wir uns der Tatsache, dass Eltern, die ihre Kinder Zuhause unterrichten, nur knapp die Hälfte des offiziellen Eintrittspreises bezahlen. Die speziellen „Ninja Worriers Schuhe“, im Volksmund auch „Anti-Rutsch-Socken“ genannt, kann man am Ende gleich behalten! Dieses Angebot gilt immer Freitags und ist speziell für Home-Schooling-Kids gedacht. Wie wir gehört haben, gibt es von staatlicher wie auch privater Seite her noch viele weitere solche Vorteilsangebote für Kinds, die Zuhause unterrichtet werden. Auf was wir hinaus wollen, ist der doch sehr markante Unterscheid im Stellenwert dieser Unterrichtsart in Bezug auf die heimischen Verhältnisse, wo es wenn nicht gar verboten, dann aber doch in keiner Art und Weise unterstützt wird. Natürlich kann man sich immer über die Vor- und Nachteile streiten. Aber wo normalerweise die Lehrperson einen direkten Einfluss auf die Art der Vermittlung sowie den Umfang des Lehrstoffes hat, sind es beim Home-Schooling die Eltern. Und es ist wohl nicht von der Hand zu weisen, dass Eltern in der Regel die regere Intension und ein Gespür dafür haben, dass aus ihren Sprösslingen etwas anständiges wird, als der heutzutage aus diversen Gründen oft etwas überforderte Lehrkörper. Von den Begleiterscheinungen, auf die man besonders im sozialen Bereich auf den Schulhöfen antrifft, mal ganz abgesehen. Wir haben uns jedenfalls für diesen Weg entschieden und würden es jederzeit wieder tun. Schön, wenn man dabei ausnahmsweise mal nicht der „Paradiesvogel“ ist, sondern dazu noch Unterstützung erfährt.


Aber auch aus einem kritischen Corona-Massnahmen-Blickwinkel betrachtet, war der Ausflug ein kleiner und erfreulicher Lichtblick. Das Betreten der Halle war wie eine kleine Zeitreise zurück in jene Zeit, in der man nicht permanent von panischen wirkenden Menschen umgeben und teilweise gemassregelt wurde und Masken in die Faschingszeit oder den OP-Saal gehörten. Von den rund 100 anwesenden Personen, Kinder wie Eltern, trugen nebst den Angestellten höchstens eine Hand voll der Besucher eine Maske. Weder den Angestellten noch den Maskierten kam es in den Sinn, daran etwas ändern zu wollen. Zumindest was die Gäste anbelangte, schien das Tragen der Masken eher fakultativer Natur zu sein. Wer sich aufgrund der Situation unwohl fühlte, trug seine Maske, wer keine Bedenken hatte, trug halt keine. Und das Beste dabei: Dazwischen war nicht der geringste Gesinnungsgraben auszumachen! Alle hatten einfach gemeinsam eine gute Zeit.


Eine Beobachtung, die wir übrigens mittlerweile auch an vielen anderen öffentlichen Orten gemacht haben. Ein roter Faden ist dabei nur schwer auszumachen. Es gibt Stadtteile, wo die Maskenpflicht konsequent bis auf die Strasse hinaus getragen wird. Ein paar Meilen weiter ist davon fast gar nichts zu mehr spüren. Soweit wir das beurteilen können, haben zumindest in dieser Region South Carolinas die Restaurants alle geöffnet. Und dort wo wir bereits essen waren, war auch von speziellen Abstandsregeln oder maximalen Tischbelegungen nichts zu bemerken. Mundschutz bis an die Bar oder den Tisch und gut ist. Bei Fastfood-Lokalen ist eine genaue Einschätzung eher kniffflig. Vermutlich hängt es einfach von der Geschäftsleitung an. Denn an einigen Orten kann man zwar drinnen bestellen, darf sich danach aber nicht hinsetzen. Andernorts kommt man gar nicht erst rein, sondern muss sein Essen an einem Aussenschalter bestellen und bei einigen läuft der Betrieb ganz normal. Ein grosser Unterschied in der Ladenfläche oder der Bestuhlung war dabei jedenfalls auf den ersten Blick nicht auszumachen. Ob und in wiefern sich dieser Eindruck auch den Rest der USA abbildet, werden wir noch sehen. Für den Moment fühlt sich dieses kleine Stück altbekannter Alltag jedenfalls einfach nur gut an.

Was gibt’s noch zu berichten. Ach ja … Papa hat endlich den Verlust der in Mexiko verschiedenen Kameras kompensiert. Das Gefilme mit dem Handy ist ja gut uns recht, aber auf Dauer schon recht nervend und vor allem sehr unpraktisch. Dank einem Spitzenangebot des Herstellers GoPro sind wir nun im Besitz der neusten Generation dieser legendären Action-Kamera, die mittlerweile weit über den ursprünglichen Anwendungsbereich hinausgewachsen ist. Und ich freue mich schon, die damit gebannten Aufnahmen in den neusten Reisefilm zu verpacken.


Dann haben wir in der Zwischenzeit auch noch den dringend benötigten Fahrzeug-Versicherungsabschluss hingebogen bekommen. Günstig sind die Versicherungen in den USA wirklich nicht. Besonders dann, wenn man nicht im Besitz eines US-Führerscheins ist. Zu allem Überfluss kann man einen Wohnanhänger auch nicht über das Zugfahrzeug versichern. So hat nun jedes unserer Fahrzeuge eine eigene Versicherungs-Police. Wenigsten haben wir es beim Pickup hinbekommen, nur eine Halbjahres-Versicherung abzuschliessen. In Kombination mit dem Rabatt bei der Bezahlung auf einen Schlag, hat sich die Angelegenheit so wenigstens etwas entschärft!


Auch den „Tag“, also den Sticker den man nach der Bezahlung der Verkehrssteuer zugeschickt bekommt und auf’s Nummernschild kleben muss, haben wir erhalten. Leider nur den für den 5th Wheel. Weshalb es Online nicht möglich ist, gleich auch noch den Sticker für den Pickup mit zu bestellen, wird wohl für immer ein Mysterium bleiben. Und die Dinger bekommt man am Schalter auch nur in dem Staat ausgehändigt, aus welchem das Nummernschild stammt. Wenn wir also nicht noch eine andere Lösung dafür finden, wird uns also nichts anderes übrig bleiben, als demnächst mal den Sunshine State Florida anzufahren. Klimatechnisch sicher keine schlechte Wahl, aber über das Preisverhalten auf Floridas Campingplätzen in den Wintermonaten haben wir ja schon berichtet.

Amy hat sich in den letzten Tagen zu einer waschechten Schiffs-Stalkerin entwickelt. Fleissig kontrollierte sie dabei den Standort des Schiffes, welches unser rollendes Heim transportiert. Dieses hat sich vor etwas mehr als zwei Wochen von Bremerhaven aus, über South Hampton auf den Weg über den Atlantik gemacht. Irgendwie scheint man auf diesen Frachtschiffen die Reihenfolge der als nächstes anlaufenden Häfen stets neu auszuwürfeln. Dies wurde uns zwischenzeitlich auch von der Firma bestätigt, die wir mit der Verfrachtung beauftrag haben. Nach einem ersten Zwischenstopp auf dem US-Kontinent in Baltimore (nördlich von uns), ging es danach zuerst an uns vorbei runter nach Brunswick, danach noch weiter in den Süden nach Jacksonville und erst danach hat es sich bequemt, endlich den Hafen von Charleston anzulaufen. Und gemäss Amy’s Ship-Tracker ist es dort am Freitag 19.02.2021 auch angekommen. Leider scheint man auch beim Zoll sowas wie ein Wochenende zu kennen, so dass wir vorerst mal gar nichts unternehmen können. Den Mietwagen sowie unser Appartement haben wir wohlweislich schon mal bis Montag verlängert. Unser lauschiges Heim sowie der Chevy Malibu sind aber auch ein echtes Schnäppchen!

Mit allen nötigen Dokumenten für den Zoll ausgestattet, machten wir uns also am Montag 22.02.2021 auf den Weg nach Charleston, wo wir knapp 2 Stunden später vor einem palastartigen Gebäude standen, in welches unterhalb des Giebels kunstvoll die Worte „United States Custom House“ eingemeisselt sind. Aus unseren bisherigen Erfahrungen hätten wir eher mit einer Barracke am Hafenbecken gerechnet, aber bitte … dann heute halt ausnahmsweise mal mit Stil.

Etwas unbeholfen standen wir ein paar Minuten später in einer prunkvoll ausgestatteten Halle, über der eine Galerie thronte und die mit lauter verschnörkeltem und geschwungenem Schnickschnack dekoriert war. Dem ganzen Ambiente nach hätte es uns nicht gewundert, wenn gleich der weissgewandete Gouverneur von Charleston mit seidigem Foulard und weitem Krempenhut aufgetaucht wäre. Aber stattdessen waren es zwei Zollbeamte in komplett knitterfreien Uniformen, die sich leicht irritiert nach unserem Begehr erkundigten. Nachdem wir ihnen unseren Spezialfall, daran hegen wir mittlerweile keinen Zweifel mehr, geschildert und alle Dokumente ausgehändigt hatten, starrten sie uns an, als wären wir gerade aus einem Hochsicherheitsgefängnis entflohen. Sie, eine stämmige und äusserst pflichtbewusste Beamtin, machte anschliessend keinen Hehl daraus, dass sie nicht glaube, dass diese Geschichte hier auch nur ansatzweise legal sein. Denn einerseits hätten wir keinen Wohnsitz in der USA, noch sonst irgendwelche Dokumente, die uns für den Erwerb und/oder Besitz von irgendetwas in den USA legitimieren würden. Unsere Ansage, dass die auf den Fahrzeugscheinen vermerkte „Wohnadresse“ diejenige unseres ehemaligen Wohnmobilhänders sei, schien ihre gesetzestreue Welt vollends zum Einsturz zu bringen. Alles was sie danach noch hervorbrachte war, dass sie das alles jetzt erstmal sauber abklären würden und wir in einer halben Stunde wieder kommen sollten.


Freunde, das war eine der längsten halben Stunden, die wir vermutlich je durchlebt haben. Und wo die Kacke erstmal am dampfen ist (verzeiht den Kraftausdruck), da ist weiteres Ungemach oft nicht weit. Denn wie aus dem Nichts überfiel mich plötzlich das unbehagliche Gefühl, dass ich meine Brieftasche schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen habe. Und tatsächlich schien sie wie vom Erdboden verschluckt. In der darauffolgenden Hektik befreite ich etwas schwungvoller als geplant den Rücksitz unseres Wagens von allerlei herumliegenden Kleidern, wobei Lynn’s Handy und Kopfhörer in hohem Bogen in den Strassengraben flogen. Das wäre an sich keine grosse Sache gewesen, wenn der Strassengraben zu diesem Zeitpunkt nicht komplett unter Wasser geständen hätte. Entzücken sieht in Lynn’s Augen anders aus, das könnt ihr mir glauben! Die gute Nachricht war, dass ich kurz darauf wenigstens meine Brieftasche in dem Gewühl aus Kleidern und Reisegepäck wieder gefunden habe. Und wie sich später herausstellte, ist Lynn’s Handy gegen kurzes Abtauchen geschützt. Ob und wie gut die Kopfhörer das Bad im Strassenstaub-/Wassergemisch überstanden haben, wird sich aber in den nächsten Tagen erst noch zeigen. Was die Geschichte mit dem Zoll anbelangt, so schien man auch da heisser gekocht zu haben, als letztendlich gegessen wurde. Denn als wir uns pünktlich wieder in der ehrwürdigen Halle zur Urteilsverkündung einfanden, wirkten die beiden Zollbeamten auf einmal wie ausgewechselt. Die hatten nämlich in der Zwischenzeit herausgefunden, dass diese Art der Fahrzeugbeschaffung unten in Florida ganz normal sei. „Money making“, wie sie es charmant betitelt hat. Hier, und das betonte sie nochmal eindringlich, wäre so etwas undenkbar gewesen. Von einer Busse und dem Verlust unseres VISA-Status würden sie aber ausnahmsweise mal absehen. Schön wenn man als einfacher Zollbeamter einen derart grossen Spielraum hat und noch schöner, wenn dieser zu unseren Gunsten bis zum Anschlag ausgenutzt wird! Vielen herzlichen Dank Officer Genna!


Im weiteren Verlauf entstand sogar so etwas wie eine nette Unterhaltung. Denn auf der schicken Uniform des eher ruhigen Kollegen von Officer Genna stand in grossen Lettern „Wenger“. Ein Name, auf den man hierzulande eher weniger trifft, dafür aber umso mehr in unserer Heimat. Und tatsächlich wusste dieser von Schweizer Wurzeln zu berichten, die 3 Generationen zurück reichen. Vielleicht hat uns ja auch dieser „Swiss-Joker“ zu dem milden Urteil verholfen, herausfinden werden wir es wohl nicht. Ist eigentlich auch egal. Wichtig war einzig, dass wir das Gebäude mit frisch abgestempelten Zollpapieren verlassen konnten.

Gemäss der Aussage der beiden Beamten, können wir in der Theorie nun gleich zum Hafen fahren und unsere Fahrzeuge abholen. Wie optimistisch diese Aussage war, sollte sich in den folgenden Stunden ... was sag ich ... in den kommenden Tagen allerdings erst noch zeigen. Denn am Hafen zeigte man sich von den offiziell abgesegneten Zolldokumenten eher unbeeindruckt. Viel lieber würden sie das Dokument mit der Freistellungsnummer sehen. Ein Dokument, welches man üblicherweise von der Speditionsfirma zugestellt bekommt. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass in diesem Bereich wegen der Zeitverschiebung heute wohl nichts mehr auszurichten war. Also buchen wir erstmal ein Hotel in Hafennähe, um auch unseren strapazierten Nerven eine Erholung zu gönnen. Beim späteren Bierchen an der Hotelbar konnten wir dann sogar unseren sehr beflissenen und rund um die Uhr arbeitenden Spediteur erreichen. Ok, so spät war es in Europa noch nicht. Dieser stellte uns die fehlenden Dokumente für den folgenden Morgen in Aussicht. Ein Gedanke, der uns kurz darauf in einem zufriedenen und tiefen Schlummer versetzte. 

Dieser Zustand der Tiefenentspannung sollte sich am nächsten Morgen schlagartig wieder verflüchtigen, als in unserem Mailpostfach nicht die geringste Spur der versprochenen Dokumente zu finden war. Nur keine Hektik! Was nicht ist, kann ja noch werden. Auch in Holland, wo unsere Spedition ihren Sitz hat, wird vermutlich nur mit Wasser gekocht. Doch als wir auch kurz vor Mittag noch immer nicht im Besitz der sehnlichst erwarteten Dokumente waren, geschweige denn überhaupt ein Lebenszeichen von der Spedition erhalten haben, machte sich erneut Nervosität breit. Der folgende Anruf brachte wenigstens etwas Licht in’s Dunkel, wenn auch nicht das von uns gewünschte. Scheinbar hat die Reederei gerade alle Hand voll zu tun und daher würde sich das Ganze nochmal um einen Tag verschieben. Da wir sowieso ursprünglich mit ein bis zwei Tagen Bearbeitungszeit gerechnet hatten, sahen wir an dieser Stelle noch keinen triftigen Grund, bereits die „wütender Kunde“ Keule aus dem Hut zu zaubern. Die Spedition machte bislang einen wirklich sensationellen Eindruck, man war mittlerweile sogar per Du und die Erreichbarkeit war ja auch jederzeit sichergestellt. Also keine Panik. Im festen Glauben daran, dass nun alles seinen gewünschten Gang nimmt, entschlossen wir uns gleich noch dazu, den Mietwagen zum Airport zurück zu bringen. Zum Hafen können wir morgen ja auch ubern.

Tag Drei im Hotel, früher Morgen: Das hochrechnen der Zeitverschiebung nach Holland klappt mittlerweile wie im Schlaf. Dort ist es jetzt also Mittagszeit und die immer noch nicht eingetroffenen Dokumente werden sicher in Kürze eintreffen. Also erstmal hübsch machen und frühstücken. Leider erfüllten sich unsere Hoffnungen auch danach nicht, genau so wenig wie in den folgenden Stunden. Also wieder der Griff zum Hörer und was wir danach zu hören bekamen, riss uns im ersten Moment fast den Boden unter den Füssen weg. Nun ist eine Mischung aus Geschäftsstrategie und, wer hätt’s gedacht, Corona, der Grund dafür, dass es auch heute nichts wird. Ich fasse die Kernaussage des folgenden Telefonates kurz zusammen: Das gesamte Frachtbusiness hat aufgrund der ausgefallenen Aufträge massiv Federn lassen müssen. Insbesondere Speditionen wie unsere, die sich hauptsächlich auf Wohnmobil-Verschiffungen spezialisiert haben. So scheint es in der Kasse unseres Spediteurs momentan nicht allzu gut auszusehen, was dadurch ungünstig beeinflusst wird, dass einige Grosskunden den „wir verschiffen jetzt, bezahlen könnt ihr später“ Bonus geniessen. Während man sonst diese temporäre Lücke aus der Spardose überbrückt, lautet das aktuelle Motto: „Von der Hand in den Mund“. Solange also die Grosskunden ihre Rechnungen nicht bezahlt haben, kann die Spedition auch die Reederei nicht bezahlen. Die jedoch stellt die Freistellungsdokumente erst aus, sobald alle Rechnungen beglichen sind. Na, klingelt’s schon? Robert, so der Name unseres Spediteurs, macht sich keine Sorgen, dass seine Grosskunden nicht bezahlen. Nur kann das leider immer ein paar Tage dauern. Irgendwo sitzt also gerade ein Buchhalter, der gerade seinen Stapel Rechnungen abarbeitet und dabei nicht ansatzweise erahnt, wie sehr er dabei unser Schicksal in Händen hält.

So unschön sich das im ersten Moment anhört, so sehr waren wir am Ende des Telefonates aufgrund der bisherigen Zusammenarbeit sicher, dass diese Geschichte der Wahrheit entspricht und ein gutes Ende nimmt. Das mag auf Aussenstehende vielleicht etwas naiv wirken. Doch wir haben in solchen Angelegenheiten, und davon hatten wir seit Beginn unseres Abenteuers doch schon einige, immer auf unser Bauchgefühl gehört und es hat sich immer ausgezahlt. Klar hätten wir allen Grund dazu, die Lautsprechermembrane unseres Spediteur so richtig in Schwingung zu versetzen. Doch solange die Chance auf ein Miteinander besteht, sollte man den gemeinsamen Weg gehen. Und ab und zu etwas Empathie walten zu lassen, kann auch nicht schaden. Immer vorausgesetzt, man spürt nach wie vor die redlichen Bemühungen seines Gegenübers. So waren es nach dem Ende des Telefonates eher die verständlicherweise sehr enttäuschten Kinder, die uns zu schaffen machten als die Tatsache, dass wir erneut einen Tage in diesem Airport-Hotel verbringen müssen.

Glücklicherweise hat Amy kurz zuvor in einem dieser überall herumliegenden Hotel-Flyer gesehen, dass unweit von uns ein Museums-Schiff vor Anker liegt. Die U.S.S. Yorktown, ein geschichtsträchtiger Flugzeugträger, der im Pazifikkonflikt des 2. Weltkriegs zu Ruhm und Ehre gelangte. Jamie und mir musste man das natürlich nicht zweimal sagen. Lynn dagegen hatte da schon eher gewisse Einwände einzubringen, was sich aber in Ermangelung an Alternativen schnell wieder legte. So uberten wir also zu diesem in fahles Grau getünchten Stahlkoloss, den wir in den folgenden Stunden vom Maschinenraum, über das Unter- und Flugdeck bis hoch zum Steuerstand ausgiebig erkundet haben. Den „Amis“ muss man nicht beibringen, wie man die eigene Geschichte bewahrt und ordentlich in Szene setzt! Sauber instand gehaltene Flugzeuge sowie einige weitere fein säuberlich restaurierte Artefakte aus dieser Epoche waren auf dem schwimmenden Giganten ausgestellt und so wurde es letztendlich auch für die Damenfrakion ein spannender Ausflug. Die Tatsache, dass die U.S.S. Yorktown nach dem Pazifikkrieg auch noch im Vietnamkrieg im Einsatz stand, liess auch noch einen entsprechenden Themenbereich an Land entstehen. Auch wenn es dort für die Amerikaner nicht ganz so ruhmreich ausgegangen war, wurde auch diese Ära mit allem erdenklichen Epos ausgestattet dem neugierigen Besucher kredenzt.


Müde und plattgelatscht erreichten wir gegen Abend wieder die mittlerweile sehr heimelige Atmosphäre unseres Hotels und rundeten den Tag bei einem Bier an der eher nüchtern gehaltenen Hotelbar ab. Morgen, so hoffen jedenfalls, sollten dann die fehlenden Dokumente eintreffen. Falls nicht, werden wir die Schraube wohl oder übel wohl einen Tick anziehen müssen. Denn der Blick auf den Flyer mit den Ausflugsmöglichkeiten verrät eindeutig, dass die U.S.S. Yorktown wohl mit Abstand das einzige wirkliche Highlight in dieser Umgebung ist. Und da wir mittlerweile bekanntermassen gleich in mehrerer Hinsicht fahrzeuglos sind, wird es langsam doch etwas sehr mühsam.


Wie es bei dabei weitergeht, erfahrt ihr in unserem nächsten Newsletter. Und da zwischenzeitlich bereits wieder einiges gelaufen ist, können wir euch garantieren, dass es spannend bleibt. Natürlich gibt es auch hierzu wieder das passende Video, zu dem es direkt hier lang geht. Der wirklich sehr spannende Ausflug auf die U.S.S. Yorktown, werden wir in kürze in einem separaten Video veröffentlichen.

Damit sende wir euch die besten Wünsche in die Heimat und soweit wir gehört haben, soll sich dort ähnlich wie hier ebenfalls langsam der Frühling angekündigt haben. Geniesst es und bis bald!

Eure „Home on Wheels“
Martin, Amy, Lynn und Jamie